Rheinland-Pfalz.NABU.de Projekte Sumpfschildkröte

10 weitere Sumpfschildkröten ausgewildert

Die Sumpfschildkröte kehrt zurück

Wiederansiedlung am Bobenheim-Roxheimer Altrhein

Europäische Sumpfschildkröte

Nach 60-jähriger Abwesenheit siedelt der NABU die heimische Sumpfschildkröte in Rheinland-Pfalz wieder an. Nachdem die letzten Tiere in den 1940er Jahren aus einem Weiher bei Edigheim entnommen wurden, soll nun die Rückehr im Bobenheim-Roxheimer Altrheingebiet erfolgen. Der NABU setzte dazu die ersten zehn Tiere im Beisein von einigen Schaulustigen, des Präsidenten
der SGD Süd, Prof. Dr. Hans-Jürgen Seimetz, der Leiter der Abteilung Bauen und Umwelt des Rhein-Pfalz-Kreises, Heribert Werner, und dem Gemeindebürgermeister Manfred Gräf in einem besonders geeigneten Altrhein des Gebietes aus.

Die Europäische Sumpfschildkröte war früher eine charakteristische Art der Auengebiete am Oberrhein. Während ältere Literatur von einem Aussterben im 17./18. Jahrhundert ausging, weisen neuere Befunde darauf hin, dass sie mindestens bis ins letzte Jahrhundert bei uns vorkam. Zumindest stellten sich Tiere, die 1943 aus einem Gewässer entnommen worden waren und sich heute noch in einer privaten Haltung befinden, als der genetische Typ heraus, der für Rheinland-Pfalz zu erwarten ist. Nur durch Zufall sei man auf diese Tiere aufmerksam geworden, erzählte der Vorsitzende des NABU Rheinland-Pfalz Siegfried Schuch in seiner Begrüßungsrede. Einzeltiere können immer wieder, auch heute noch, gefunden werden, beruhen aber vermutlich auf Aussetzungen. Dennoch ist es aufgrund des hohen Alters, das die Tiere mit über 100 Jahren erreichen können, nicht vollkommen auszuschließen, dass auch heute noch Tiere als Reste ehemaliger Populationen überlebt haben.

Aussterbeursache dürfte in erster Linie der massenhafte Fang der Sumpfschildkröte im Mittelalter gewesen sein. Besonders der Markt in Speyer war als Umschlagplatz für den Verkauf der Art weit über die Region hinaus bekannt. War sie erst einfache Fastenspeise für jedermann, wurde sie später, nachdem sie seltener geworden war, als Delikatesse gehandelt und konnte nur noch von gut betuchten Personen erworben werden. Zu dem Fang kam die Zerstörung der Lebensräume durch Flussbegradigung, Grundwasserabsenkung, Vernichtung von Gewässern und Zerstörung der Eiablageplätze im Zuge der landwirtschaftlichen Intensivierung.

Junge Sumpfschildkröte

In Hessen gibt es seit rund zehn Jahren ein ähnliches Projekt der AG Sumpfschildkröte, das mit großem Erfolg die Wiederansiedlung in verschiedenen Gebieten des Nachbarbundeslandes betreibt. Insgesamt sind dort schon über 120 Schildkröten ausgesetzt worden. Die Leiter der AG, Dr. Matthias Kuprian vom Hessischen Umweltministerium, und Sybille Winkel vom NABU Hessen waren bei der Auswilderung ebenfalls anwesend und brachten samt guter Wünsche des hessischen Umweltministers als Startgeschenk eine Sumpfschildkröte mit, die die entsprechenden genetischen Voraussetzungen besitzt.

Die Genetik ist eine relativ komplizierte Sache. Die Europäische Sumpfschildkröte lässt sich als Art in verschiedene Unterarten aufteilen und auch die heimische Unterart besitzt in unterschiedlichen Regionen verschiedene genetische Typen (Haplotypen). „In Deutschland gibt es zwei verschiedene Haplotypen. Im Osten Deutschlands in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern findet sich der Haplotyp IIb und in Südwestdeutschland der Haplotyp IIa“, so Kuprian. Die übrigen ausgewilderten Tiere entstammen vom rheinland-pfälzischen Züchter Gunter Franck, der schon seit Jahren die hessische Seite mit Tieren versorgt und nachweislich über genetisch geeignete Sumpfschildkröten verfügt.

Dr. Holger Buschmann, Naturschutzreferent des NABU Rheinland-Pfalz erklärt. „Es ist wichtig, bei einem Wiederansiedlungsprojekt Tiere zu verwenden, die den ursprünglich vorhandenen genetisch möglichst ähnlich sind. So ist beispielsweise gewährleistet, dass die Tiere mit den klimatischen Bedingungen zurechtkommen, die gerade am nördlichen Rand des Verbreitungsgebietes eine besondere Rolle spielen.“ Leider kommt es nach Buschmann immer wieder vor, dass Tiere südeuropäischer Herkunft ausgesetzt werden und bei Vermischung diese Anpassungen ans Klima verloren gehen können.

Entscheidend sind dabei nicht die erwachsenen Tiere, die auch in nördlicheren Regionen viele Jahre überleben können, sondern die Reifung der Eier. Die Eier werden nur bei ausreichender Wärme und Sonnenscheindauer ausgebrütet, die am wärmebegünstigten Oberrhein gegeben sind. Die Weibchen suchen zur Eiablage vollbesonnte Plätze mit schütterer Vegetation auf, die sich schnell erwärmen, und graben dort ihre Gelegehöhlen. Da in manchen Jahren die Sonnenscheindauer allerdings zu gering ist, wird es nicht in jedem Jahr Nachwuchs geben. Zudem können die bis zu 20 Jungtiere in der Gelegehöhle überwintern, wenn sie erst zu spät im Herbst schlüpfen, was von Wissenschaftlern auch als eine Anpassung an das nördliche Klima interpretiert wird. „Es ist zu hoffen, dass solche illegalen Aussetzungen im Bobenheim-Roxeimer Altrheingebiet zukünftig unterbleiben. Wir werden auf jeden Fall versuchen, die Bevölkerung so gut wie möglich auf dieses Problem hinzuweisen“, sagen übereinstimmend Walter Gramlich als Vorsitzender des NABU Heidewald und Klaus Graber als Vorsitzender der Pollichia im Rhein-Pfalz-Kreis. Beide werden zukünftig die Entwicklung der ausgewilderten Sumpfschildkröten begleiten und darauf achten, dass der Lebensraum geeignet bleibt und weiter optimiert wird.

Ehrgeiziges Ziel des Projektes, an dem bis jetzt der NABU Rheinland-Pfalz, der NABU Heidewald, die Pollichia des Rhein-Pfalz-Kreises, der Rhein-Pfalz-Kreis und die Gemeinde Bobenheim-Roxheim beteiligt sind, ist es, in zwölf Jahren bis zu 500 Sumpfschildkröten in geeigneten rheinland-pfälzischen Gewässern auszuwildern. Weitere Partner können folgen, nicht zuletzt, weil die Lebensräume trotz erster Maßnahmen weiter entwickelt werden müssen. Das ist überhaupt der Sinn, den Wiederansiedlungen aus Sicht des NABU haben sollten. „Natürlich ist es schön, wenn ein Geschöpf, das früher selbstverständlich zu unserer Fauna zählte, zurückkehrt“, so Schuch. „Es ist ein kleine Wiedergutmachung für die Schäden, die wir an der Natur hinterlassen, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass weitere Arten Tag für Tag verschwinden und genauso unserer Aufmerksamkeit bedürfen.“

Der Vorteil sei, dass die Sumpfschildkröte sehr komplexe Lebensräume benötigt. Die erwachsenen Tiere bevorzugten beispielsweise zum Leben größere nährstoffreiche Gewässer mit schlammigem Grund, gut strukturierter Vegetation und umfangreicher Flachwasserzone, während sich die Eiablageplätze an stark besonnten, trockenen Stellen befinden. Diese Lebensräume werden auch von einem breiten Spektrum weiterer bedrohter Tiere und Pflanzen benötigt.

Wenn man also Lebensräume für die Sumpfschildkröte sichert und herrichtet, hilft man ebenso anderen Arten. Mit diesem Wissen als Hintergrund wünschten die Anwesenden den kleinen Sumpfschildkröten viel Glück auf ihrem Weg und ließen die Tiere ins Wasser gleiten.

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